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Bruder und Freund

"BRUDER UND FREUND"

Sommerjohanni, vom 18. Juni 2016, Zeichnung des Redners 
Ehrw. M.v.St.liebe Brr. Alle Das Schönste und froheste Fest der Freimaurer fällt auf den Zeitraum, an dem die Sonne den höchsten Stand ihres unermüdlichen Wirkens erreicht hat. Ist es ein Zufall, oder gibt einleuchtende Begründungen, welche den Zusammenhang der Sonne mit unserem Fest der Brüderlichkeit erhellen könnten? Auch schon von alters her erkennen wir in anderen Gemeinschaften die praktizierten Sonnwend-Feiern mit einem ähnlichen Aspekt. Dem eiligen Betrachter präsentieren sich da offenbar gewissen Unebenheiten, die sich mit unserer modernen Weltauffassung kaum mehr vertragen, wie es scheint. Uns erinnert aber nicht der brennende Holzstoss an unseren Schutzpatron Johannes den Täufer, sondern die verborgene Glut der Johannis-Rose, und es scheint dass diese dornige und dennoch edle Blume in sinniger Weise das johanneische Anliegen verkörpert.Ich möchte nun weiterfahren in meinem Zyklus "Briefe an Lucilius" des Stoikers Seneca und wähle dazu den dritten Brief "Über Freundschaft". Meiner heutigen Zeichnung hab ich den Titel "Bruder und Freund" gegeben. Beim Hinterfragen dieser beiden Begriffe sind mir zwei verschiedene Aspekte aufgefallen; Einmal die zwischenmenschliche Umgangsformen im Besonderen im Verkehr zwischen den Brüdern. Sie werden behandelt unter Art. 11 unserer Schrift "Die maurerischen Umgangsformen" hier geht es um die Höflichkeit, den Anstand und den sogenannten Takt. Da der Freimaurer ein wertvoller Mensch sein soll, muss er sich auch in Formen bewegen, die seinem Wert entsprechen. Hier wird also der maurerische Bruder angesprochen, hier müssen wir uns beweisen!.  In dem zweiten Aspekt aber "Die Freundschaft" beschäftigt sich Seneca mit den charakterlichen Fakten und der Wahl eines "Freundes". Ich zitiere nun den dritten Brief "Ueber Freundschaft" ich bitte euch aber "erschreckt nicht ob den Worten von Seneca, nehmt sie mit stoischer Gelassenheit auf und überdenkt  sie auch in diesem Sinn denn sie wirken manchmal hart, wir haben sicher in der Vergangenheit nicht alles falsch gemacht. Doch für die Zukunft haltet euch soweit das möglich und vertretbar ist an die Ratschläge sie sind nüchtern betrachtet nicht so abwegig. Brieftext;Du hast mir, wie du schreibst, deinen Brief durch deinen Freund überbringen lassen. Gleich dann mahnst du mich, ich solle nicht alles dich Betreffende ihm mitteilen, denn auch du selbst pflegst das nicht zu tun. So hast du in dem nämlichen Brief ihn erst deinen Freund genannt und dann dies wieder in Abrede gestellt. Wenn du dennoch dies Wort erst in ganz allgemeiner Bedeutung genommen hast, etwa wie wir alle, die sich um Ämter bewerben, "brave Männer" nennen oder wie wir unterwegs Begegnende, deren Namen uns nicht einfällt, als "Herren" begrüssen, so mag dies hingehen. Hältst du aber einen für deinen Freund, dem du ebenso vertraust wie dir selbst, so ist das ein starker Irrtum, der von ungenügender Kenntnis wahrer Freundschaft zeugt. Nein, mit dem Freund musst du alles beraten; nur muss du über ihn selbst vorher ins reine gekommen sein. Ist die Freundschaft einmal geschlossen, dann darf nicht anderes mehr gelten als unbedingtes Vertrauen; mit dem Urteil über die abzuschliessende Freundschaft muss man vorher fertig geworden sein. Diejenigen kehren die Reihenfolge der Obliegenheiten um, die im Wiederspruch mit den Lehren des Theophrast erst lieben und dann urteilen und, nachdem sie sich ihr Urteil gebildet, nicht mehr lieben. Gehe lange mit dir zu Rate, ehe du einen dir zum Freunde machst. Bist du schlüssig geworden, so schenke ihm auch dein ganzes Herz, rede so getrost mit ihm wie mit dir selbst. Du selbst zwar must so leben, dass du dir nichts anvertraust, was du auch deinem Freunde anvertrauen könntest. Doch es treten Umstände ein, die das Herkommen zu Geheimnissen gemacht hat; daher teile mit dem Freund alle deine Sorgen, alle deine Gedanken. Hältst du ihn für treu, so wirst du ihn auch machen. Machen doch manche durch ihre Angst, hintergangen zu werden, sich selbst zu Lehrern der Täuschung und geben dem anderen durch ihr Argwohn ein Recht zum Frevel gegen sie. Was hätte ich für einen Grund, vor meinem Freunde auch nur mit einem einzigen Worte zurückzuhalten? Warum soll ich nicht glauben, allein zu sein, wenn ich mit ihm zusammen bin? Es gibt Leute welche Dinge, die man nur seinen Freunden anvertrauen darf, jedem der ihnen begegnet, mitteilen und alles was sie bedrückt, in das Ohr jedes anderen abladen. Dagegen wieder auch andere, die selbst das Mitwissen derer scheuen, die ihrem Herzen am nächsten stehen, und die, ungläubig womöglich auch gegen, jedes Geheimnis tief im Busen verwahren. Auf keines von beiden darf man sich einlassen, denn beide sind verkehrt, sowohl allen zu trauen wie niemandem. Aber der eine von beiden Fehlern ist sozusagen anständiger, der andere bietet grössere Sicherheit. So wird man auch beide tadeln, sowohl die, welche immer unruhig sind, wie die, welche sich ununterbrochener Ruhe hingeben. Denn jene Geschäftigkeit, die an dem wilden Getümmel und Lärm ihre Freude hat, ist keine wahre Tätigkeit, sondern der Wirrwarr eines aufgeregten Gemütes. Und das ist keine Ruhe, die jede Bewegung für lästig hält, sondern Weichlichkeit und Schlaffheit. Daher soll man sich den Spruch zu Herzen nehmen, den ich bei Pomponius las: "Es gibt Leute, die sich dermassen im Schlupfwinkel vergraben haben, dass sie glauben, alles sei im Trüben, was im Lichte ist." Man muss handeln, und der Handelnde muss ruhen. Gehe mit der Natur zu Rate; sie wird dir sagen, sie habe nicht nur den Tag, sondern auch die Nacht geschaffen. So ihr nun diesen Brief gelesen und aber auch verstanden habt, legt ihn nicht weg, denn es sind Gedanken die vor mehr als 2000 Jahre entstanden und bis heute noch zu verstehen sind und aber auch noch heute Gültigkeit haben.  
Ehrw, M v St Ich habe meine Aufgabe erfüllt. 
Br. J. St., Redner